Bewusst leben,  Frühes Trauma,  Narzisstischer Missbrauch

Raus aus der Schuldumkehr

Löse dich aus der Opferschuld und dem Täterfreispruch.

In der spirituellen Szene wie auch im „normalen“ Leben hört man immer wieder, dass Opfer ja selber schuld wären, wenn ihnen etwas Schlimmes zugestoßen ist. Weil sie sich falsch angezogen haben, weil sie provoziert haben, weil sie es insgeheim so wollten, weil sie in früheren Leben selbst so waren usw. Und es kommen Sprüche wie „Sei kein Opfer!“ oder gar als Schimpfwort „Du Opfer“.

Es kann fatale Folgen für das Opfer haben, sich auch noch solche Sprüche und Anschuldigen anhören zu müssen und zum Täter gemacht zu werden. Statt Menschen zu finden, die wirklich zuhören, die echten Trost spenden, die sie in ihrem großen Schmerz halten und Lichtblicke geben …

Viele Betroffene sagen, dass ein ganz wesentlicher Punkt auf dem Weg ihrer Heilung war, dass sie von wenigstens einem Menschen ernst genommen wurden. Wenn das Schlimme, das ihnen passiert ist, gesehen und ungeschönt ausgesprochen wird, wenn der Schmerz in seinem ganzen Ausmaß da sein darf und das Unglaubliche geglaubt wird.

In unserer Gesellschaft ist eine hohe Täterloyalität und noch viel zu wenig echte Hilfe für Opfer zu finden. Woran liegt das? An unserer Geschichte? Ich weiß es (noch) nicht …

Die meisten Menschen wollen sich nicht mit dem Opfersein auseinandersetzen. Es ist ja auch nicht schön. Es hat mit unangenehmen Gefühlen wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wehrlosigkeit, Ausgeliefertsein, Überwältigtwerden und großen Schmerzen zu tun. Damit wollen wir möglichst nichts zu tun haben.

Doch jeder Mensch kennt das Opfersein in irgendeiner Form.

In spirituellen Kreisen hört man auch Sätze wie „Das Opfer hat sich das ja auf der Seelenebene so ausgesucht.“ oder gar „Der Täter macht das nur aus Liebe zum Opfer“. Was für eine verschrobene Vorstellung. Kein Mensch verletzt einen anderen so massiv aus Liebe. Das ist nur möglich, wenn die Liebe fehlt, wenn Liebe eben nicht da ist.

Wenn es auf der Seelenebene eine Vereinbarung gegeben haben sollte, dann betrifft diese BEIDE Seiten. Das heißt, sowohl das Opfer wie auch der Täter wollen aus dieser Erfahrung lernen. Folglich muss sich auch der Täter anschauen, was ihn zum Täter gemacht hat und wie er heilen kann. Er muss schauen, wo er einst selbst Opfer war, all die unangenehmen Gefühle verdrängt hat und lieber auf die Täterseite gewechselt ist – statt in der Tiefe diese Verletzungen zu heilen.

Er sollte sich nicht einfach herausreden, dem Opfer alle Verantwortung zuschieben und selbst alles von sich weisen. Die Haltung „Das Opfer wollte das ja so – mich trifft keine Schuld“ – ist nicht die Lösung und führt nur zu tieferen Verstrickungen und weiteren Verletzungen.

Letztlich kommt solch eine Haltung aus dem nicht-lichtvollen Bereich und ist eine verzerrte Form, die den Täter davor schützt, sich wirklich seinen Anteilen und deren Ursprung in seiner Geschichte zu stellen.

Ich habe bei mir auch beobachtet, wenn ich Menschen Sätze sprechen höre wie „Es geht alles vom Opfer aus“, dann zieht sich in mir alles zusammen. Und diese Menschen haben einen Klang in ihrer Stimme, der nicht sehr liebevoll ist und sogar dämonisch wirkt. Wären Sätze wie diese Aspekte der göttlichen Ordnung, würde es allen Beteiligten gut damit gehen.

Abschließen möchte ich mit einem Satz von Armin Risi, der in einem Vortrag sinngemäß sagte: „Es geht immer von dem aus, der den freien Willen nicht achtet.“


(Text: kmp, Foto: pixabay, 29.04.2021)

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