– Die uralte Geschichte über den Wal der Hoffnung
Ein Märchen von Karin Myria Pickl
Vorbemerkung: Dieses Märchen ist eine mythische und symbolische Erzählung über die Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie über uralte SeelenErinnerungen, schicksalshafte Begegnungen, kollektiven Verlust und die Befriedung dieser alten Begebenheiten. Es sind ein paar Ähnlichkeiten zu den aktuellen Geschehnissen rund um Hope enthalten, die jedoch ausschließlich meine persönliche Wahrnehmung, Meinung und Deutung widerspiegeln. Das Märchen soll nicht angreifen, sondern zu Erkenntnis, Aufarbeitung, Mitgefühl und Versöhnung beitragen.
Es war vor rund tausend Jahren, zur Zeit der Wikinger.
Damals lebte im hohen Norden ein Volk, das tief mit der Natur verbunden war – mit den Wäldern, den Sternen, den Tieren und dem großen Geist des Lebens. Sie ehrten die Erde und alles, was auf ihr lebte. Besonders die Wale galten ihnen als heilige Wesen, als Boten zwischen Himmel und Meer.
Eines Tages zog ein gewaltiges Unwetter auf.
Der Himmel verdunkelte sich, schwarze Gewitterwolken zogen über das Land, Blitze zuckten über das Meer und ein Sturm brach los, wie man ihn noch nie erlebt hatte. Die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück, entzündeten ihre Feuer und warteten voller Angst betend darauf, dass der tosende Sturm bald wieder vorüberging.
Als am nächsten Morgen endlich Stille einkehrte, hörten sie die Rufe eines Wales und die Menschen traten wieder hinaus. Überall lagen entwurzelte Bäume, die Felder waren zerstört und Boote zerbrochene. Doch mitten in all der Verwüstung lag eine seltsame, friedliche Ruhe über dem Land.
Da entdeckten sie ihn draußen im Wasser – einen imposanten Buckelwal.
Die Menschen standen schweigend am Ufer und spürten tief in ihren Herzen, dass dieser Wal nicht zufällig gekommen war. Ruhig glitt er durch die Wellen, als wäre er ein Zeichen des Himmels, ein Bote der Götter selbst.
Sie nannten ihn Ván– das altnordische Wort für Hoffnung.
Von diesem Tag an tauchte Ván immer wieder vor ihren Küsten auf. Niemals strandete er, niemals kam er zu nahe – und doch war seine Anwesenheit jedes Mal wie ein Segen. Immer wenn er erschien, liefen die Menschen ans Meer, sangen ihm Lieder, dankten ihm für seinen Besuch und wünschten ihm eine gute Weiterreise.
So vergingen viele Jahre.
Doch eines Tages erschien ein fremdes Schiff. Schon von Weitem wirkte der Kapitän wie von Dunkelheit umgeben. Sein Blick war kalt und griesgrämig, sein Herz vom rauen, einsamen Leben auf See verhärtet.
Als er das friedliche Dorf sah, beschloss er, Unfrieden zu stiften und Unheil über die Menschen zu bringen. Mit seinen Männern ging er an Land. Sie verwüsteten die schönen Gärten, zertrampelten saftiges Obst und Gemüse, raubten Vorräte und verspotteten die herzlichen Bewohner. Sie nahmen sich, was sie wollten, und zogen sich dann betrunken und mit vollen Bäuchen wieder auf ihr Schiff zurück. Das Volk blieb verstört zurück – im Schock, voller Angst und Schmerz.
Wenige Tage später erschien Ván erneut vor der Küste.
Obwohl die Herzen des Volkes noch schwer waren, keimte beim Anblick des sanften Riesens wieder Hoffnung in ihnen auf. Am Abend versammelten sie sich zu einer heiligen Zeremonie. Sie entzündeten Feuer und sangen uralte Lieder. Dann baten sie die Götter um Rat, wie sie den Kapitän samt seiner bösartigen Mannschaft wieder loswerden konnten.
Am nächsten Morgen, als die fremden Männer wieder einmal ihren Rausch ausgeschlafen hatten, entdeckten sie ebenfalls den Wal. Doch sie konnten die Freude, die Reinheit und die Liebe dieses Volkes nicht ertragen. In ihren Herzen war nur Gier und Zerstörungswut geblieben. Und so schmiedeten sie einen grausamen Plan: Sie wollten den heiligen Wal töten.
Einige Dorfbewohner hörten davon und liefen erschrocken zu ihrem Rat der Ältesten. Lange berieten sie sich. Schließlich beschlossen sie, dem Kapitän alles zu geben, was sie besaßen, wenn sie nur den Wal verschonen und für immer verschwinden würden.
Der Älteste des Dorfes trat vor den Kapitän und unterbreitete ihm dieses Angebot. Der Kapitän setze seine beste Mine auf, nahm das Angebot an und versprach, den Wal in Ruhe zu lassen.
Also sammelten die Menschen all ihre Schätze zusammen – Silber, Krüge, Stoffe, Werkzeuge, selbst den letzten Wein. Sie behielten nur das Nötigste zum Überleben. Alles andere gaben sie mit reinen Herzen und in ehrlichem Vertrauen auf das Wort des Kapitäns. Alles waren sie bereit zu geben, wenn sie nur ihren heiligen Wal retten konnten.
Der Kapitän verlangte tatsächlich auch noch die allerletzten Vorräte und versprach, dann endlich mit seinen Leuten zurück auf das Schiff zu gehen und nie wieder bei diesem Volk anzulegen. Also gaben sie ihm auch noch die letzten Habseligkeiten und vertrauten auf Gott, dass er ihnen ihre Vorratskammern schon wieder füllen würde.
Als das Schiff beladen war, lachte der Kapitän nur hämisch und rief seinen Männern zu: „Jetzt holen wir uns auch noch den Wal!“
Entsetzt liefen die Menschen ans Ufer und riefen: „Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!“ Sie flehten die Männer an, aufzuhören.
Doch die vom einsamen Leben auf dem Meer kaltherzig gewordenen Männer stürmten mit ihren Waffen hinaus zum Wal – und töteten Ván mit erbarmungsloser Gewalt.
In diesem Moment starb nicht nur der Wal, auch tief im Herzen des Volkes zerbrach etwas Grundlegendes, das über Jahrhunderte nicht wieder hergestellt werden konnte. Wie versteinert standen die Menschen am Ufer. Sprachlos und unfähig zu begreifen, was geschehen war. Hilflos mussten sie mit ansehen, wie ihr heiligstes Wesen ihnen geraubt und getötet wurde.
Die Männer schleppten den toten Wal auf ihr Schiff und verschwanden für immer.
Doch der Schmerz blieb im Land wie eine unsichtbare, eisigkalte Wolkendecke. Er setzte sich fest in den Herzen der Menschen, wanderte durch die Generationen als stilles Echo. Die Kinder der Kinder vergaßen mit der Zeit die Geschichte – doch der Schock lebte weiter tief in ihren Zellen, in ihren Knochen, in der Seele des Volkes.
So vergingen tausend Jahre.
Und dann begann sich die Geschichte zu wiederholen. Wieder erschien ein Wal vor den Küsten des Nordens. Wieder schauten die Menschen voller Staunen auf dieses heilige Wesen. Und wieder geschah etwas, das ihre Herzen erschütterte.
Die Menschen konnten kaum glauben, was sie sahen. Ihre Zellen erinnerten sich an die Erfahrung ihrer Ahnen. Immer wieder hallten dieselben Gedanken in ihren Köpfen: „Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nicht schon wieder. Nicht noch einmal. Nicht unser heiliger Wal. Wann hört das endlich auf? …“
Da trat eine junge Frau aus den Reihen hervor.
Als sie vom Tod des Wals hörte, brach etwas Uraltes in ihr auf und sie begann zu weinen. Sie weinte, weinte und weinte. Immer stärker brach der Herzschmerz aus ihr heraus. Sie weinte nicht nur um diesen einen Wal. Sie weinte den gesamten Schmerz ihrer Ahnen, den Schmerz eines ganzen Volkes, das tausend Jahre lang erstarrt gewesen war, aus sich heraus.
Und mit jeder Träne begann der eisige Schleier über ihrem Volk mehr zu schmelzen und die Sonne kam wieder hindurch.
Eine Wärme und Liebe kehrte zurück, die das Volk so lange verloren geglaubt hatte. Über viele Generationen waren ihre Herzen kalt geworden. Der Schmerz hatte sie von ihrer Liebe zur Natur getrennt, von ihrer Verbundenheit mit den Tieren und vom Vertrauen in das Gute.
Die junge Frau weinte tausend und eine Träne.
Dann wurde ihr Herz leichter und die Reinheit kehrte zu ihrem Volk zurück. Durch seinen Tod hatte der Wal, heute von den Menschen HOPE genannt, das Herz des Volkes erneut so tief berührt, das es sich wieder öffnen konnte. Er hatte den Schmerz ans Licht geholt, damit endlich eine tiefe Reinigung und Heilung möglich wurde. Und er erinnerte die Menschen daran, wer sie einst gewesen waren: ein heiliges, lichtvolles Volk.
Damit hat er ihnen den Segen zurückgebracht.
So nahm die Geschichte doch noch eine gute Wendung und beendete dieses tausendjährige Leid. Die Menschen erinnerten sich, was ihnen wirklich wichtig war und was es heißt, ein heiliges Volk zu sein. Sie fanden ihre tiefe Verbundenheit mit der Natur wieder. Sie erinnerten sich, was es bedeutet, die Tiere wahrhaft zu ehren.
Sie begannen wieder zu lieben, Mitgefühl zu haben, sich verbunden zu fühlen und Gott wieder zu vertrauen.
Und sie konnten wahrhaft vergeben, nachdem die Geschehnisse ehrlich aufgearbeitet waren.
Dann trugen sie diese Geschichte hinaus in die Welt – in eine neue Zeit.
Vielleicht musste die Große Seele dieses Wales die Menschen nach 1000 Jahren noch einmal so sehr bewegen, damit der uralte Schrecken endlich gelöst werden und alles ein gutes Ende finden konnte.
Gleichzeitig steckt in diesem Ende ein ganz neuer Anfang für dieses lichtvolle Volk …
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Das Märchen als PDF:
(C) Karin Myria Pickl – 2026
